#schönDichzuSehen - ein Leben am Limit

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Ein Leben am Limit

Alles begann 1981 im Alter von 23 Jahren. Mein Stolz auf diese Maschine war schier grenzenlos. Ihre Eleganz und Wendigkeit riss mich hin. Sie war leicht, voller Energie und kaum zu bändigen, wie ein wildes Pferd. Mein erster Ritt sollte eine Spritztour über die Ostertage zum Nürburgring werden. Eine Runde auf dem berühmten Asphalt für fünf Mark. Eine Spritztour in der für Motorradfahrer gefährlichsten Zeit des Jahres.

Die Zeit, in der sich Unfallchirurgien im Umfeld kurvenreicher Bergstrecken schon mal mit Urlaubssperren auf einen erhöhten Ansturm von Verkehrsopfern vorbereiten. Ich bin am Ring nie angekommen.

Es war der Autobahnzubringer bei Limburg, der mir den Spaß verdarb. Diese herrliche 180°-Kurve, gebaut nach allen Regeln der Straßenbaukunst, mit gleichmäßigem Radius, leicht ansteigend und überhöht, sie hatte es mir angetan. Berauscht von der ungeheuerlichen Schräglage, vom Wechselspiel zwischen Geschwindigkeit und Fliehkräften, - dann blankes Entsetzen beim Verlust der Kontrolle. Ohnmächtig reagieren zu können, wusste ich genau was kommt und war doch überrascht, wie sanft ich vom Motorrad glitt und sich die Trennung von der Maschine vollzog. Angstfrei hatte ich die Grenzen der Physik, die meines Könnens und des mir zur Verfügung stehenden Glücks überschritten.

An die Kollision mit der Leitplanke erinnere ich mich nicht. Nur an den Blick in den blauen Frühlingshimmel über dem Westerwald, als ich auf dem Grünstreifen wieder zu mir kam. Und ich erinnere mich an meine Erleichterung über den glimpflichen Verlauf des Sturzes. Nichts tat mir weh und kein Blut floss. Schon galt meine Sorge der Maschine. War sie noch fahrtüchtig?

Dass ich jedoch unterhalb meiner Brustwarzen nichts mehr spürte, mein Körper scheinbar zweigeteilt war, ich mich beim besten Willen nicht einmal aufrichten konnte, ja sogar das Gefühl hatte, am Boden zu kleben, ließ mich augenblicklich ahnen: hier war etwas passiert, das kein Medikament, keine Operation und keine Schiene wird richten können, etwas war unwiederbringlich verloren gegangen.

Drei Tage danach bekam ich die definitive Diagnose: Querschnittlähmung, nicht heilbar.

Von nun an lagen Grenzerfahrungen auf anderem Niveau: Zum Beispiel mein erster Blick in den Spiegel. Daraus schaute mich ein geschockter Rollstuhlfahrer an, den ich im ersten Moment nicht zu kennen glaubte.

Es war ein wenig wie beim Monopoly-Spiel, du bist schon ein gutes Stück voran gekommen und nun wirft dich diese verfluchte Ereigniskarte auf LOS zurück. Ein Reset und Neuanfang des Lebens, allerdings unter verschärften Bedingungen. Plötzlich waren Grenzerfahrungen ganz schnell gemacht, sie warteten sozusagen vor der Haustüre. Bürgersteige, Kopfsteinpflaster, Steigungen, Stufen und tausend weitere Barrieren. Grenzen, an die kein Fußgänger einen Gedanken verschwendet.

Die zweite Chance

Der Schottischen Schriftstellers Stevenson, schrieb einmal: "Es kommt im Leben nicht darauf an ein gutes Blatt auf der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen." Diesem Motto entsprechend, begann nach dem Unfall der aufregende Teil meines Lebens.

Schließlich sind Rückschläge auch immer eine Chance für einen Neuanfang.

Gerade dieser begrenzte Aktionsradius, das ständige Scheitern an Barrieren und die Meinung Anderer, was Rollstuhlfahrern zuzutrauen ist und was nicht, löste einen vehementen Wunsch nach Freiheit aus, der Energien freisetzte, von denen ich zuvor keine Ahnung hatte. Ich wurde von einem Ehrgeiz erfasst, der mich selbst überraschte. Nur um meine Grenzen zu sprengen.

Dabei ist unser Leben doch nur in Grenzen möglich. Von der Geburt bis zum Tod werden wir unentwegt daran erinnert, wie weit wir gehen können. Das Universum, grenzenlos in Zeit und Raum überfordert unsere Vorstellungskraft und macht Angst. Wir brauchen Grenzen, auch um uns an ihnen zu messen, sie bisweilen zu überschreiten um jenseits davon erneut in unsere Schranken gewiesen zu werden, oder um zu erkennen, dass das Gras drüben ja genauso grün ist wie hier.

Während Bergsteiger für Grenzerfahrungen einen mehrtägigen anstrengenden Aufstieg in eisige Höhen unternehmen müssen, hatte ich es fortan einfacher. Meine Querschnittslähmung wies mich schon weit vorher in meine Schranken. Das machte die Sache aber nicht weniger spektakulär. Ich denke da an die wahnwitzige Idee dem Ganges auf seinen 2700 Kilometern zu folgen, von Kalkutta bis hinauf in den Himalaya zur Quelle - in Handarbeit. Eine Idee, die mich fesselte, mich nicht mehr losließ, bis sie Realität wurde und ich vor dem Quellgletscher in 4200 Metern Höhe stand. Jeder einzelne Kilometer war ein Grenzgang, auch weil Indien einem alles abverlangt.

Wenn ich gefragt werde, welches bisher mein größtes Abenteuer war, erzähle ich gern von den letzten Tagen vor dem Ziel. Wie ich mich an Steigungen gequält habe, den Tag verfluchte, an dem mir diese irre Idee kam, wie ich dann auf dem Rücken von Sherpas über Gletscher und Geröll, durch Felslandschaften und auf schmalen Trampelpfaden, hoch über gähnenden Abgründen getragen wurde und wie mir das Herz stockte beim Anblick der Badelatschen meines Trägers. Ein Grenzgang, hart am Limit, auf dem jeder Fehler lebensbedrohlich hätte enden können.

Aber vermutlich waren es ganz profane Situationen, die mein Leben bedrohten, schließlich bringt es kein Land der Erde auf mehr Verkehrstote wie Indien.

Wer Nervenkitzel sucht und dem Tod gern mal ins Auge sehen möchte, muss sich im Rollstuhl in den indischen Verkehr stürzen. Nicht in den Stadtverkehr, der steht auch dort die meiste Zeit. Ich meine die Konfrontation mit klapperigen, schlecht gewarteten Trucks auf Landstraßen.

Tatsächlich haben meine Schutzengel auf Indiens Überlandstraßen Höchstleistungen erbracht. So zum Beispiel als fünf Lkw sich gegenseitig überholend, mir auf meiner Spur entgegen kamen. Mit dem Wissen, dass  indische Lkw-Fahrer gern dem Alkohol zusprechen, sich kaum Ruhezeiten gönnen, bisweilen als größte Killer im Land tituliert werden und ihre eigenen TÜV-Prüfer sind, glaubte ich jedes Mal den Hauch des Todes zu spüren, wenn eines der Monster haarscharf an mir vorbei rauschte. Das sind Grenzerfahrungen, die man nicht braucht.

Der kleine Schritt vom Mut zum Übermut

Damit sind wir bei der Angst. Denn niemand sollte auf die Suche nach seinen Grenzen gehen, ohne die Angst im Gepäck. Sie rettet uns vor folgenschweren Grenzüberschreitungen. Bei meinem Motorradunfall fehlte sie mir. Hier in Indien habe ich auf sie gehört und sie war mir, ganz entgegen der Meinung des Volksmunds, ein guter Ratgeber. Intuitiv wusste ich, diese Reise wirst du so nicht überleben. Von nun an galt mein größtes Interesse den Umwegen und Ausweichrouten, die von den LKW-Fahrern gemieden werden.

Nicht unbedingt Grenzen zu überschreiten, sie ganz nach Bedarf zu verschieben war eine der Triebfedern meiner Reisen. Erstaunen löste aus, wie unvorhersehbar früh ich an sie geriet und wie unerwartet fern sie in anderen Situationen lagen.

Mit wenig Freude erinnere ich mich noch an die Steigung zwischen Lijiang und Zongdian am Mekong in China. Über 3000 Kilometer war ich dem Fluss von seiner Mündung bei Saigon gefolgt. Hier am Fuße des Himalayas geriet ich erstmals an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit.

Ich hatte am Handbike bereits bis zum ersten Gang mit Untersetzung herunter geschaltet, kurbelte im Schneckentempo ohne messbare Geschwindigkeit. Wenn meine Tagesetappe, auf geraden Strecken bis zu 80 Kilometern betrug, so schrumpfte sie hier am Berg auf Sichtweite. Irgendwann blieb ich einfach stehen und ich hatte größte Not nicht zurück zu rollen. Kein Meter war mehr möglich, ich konnte weiter spucken als fahren. Nur den Daumen heraus halten half. Zwei Chinesen mit einem Pickup haben sich meiner erbarmt.

Wie scheinbar unüberwindlich auch mentale Grenzen sein können, wurde mir bereits ein paar Wochen später bewusst.

Ich war inzwischen im Tibetischen Hochland auf 3500 Metern Höhe. Dichtes Schneetreiben auf der Landstraße und der Einbruch der Dunkelheit nahmen mir die Sicht. Die Chance jetzt noch eine Ortschaft und ein Dach über dem Kopf zu finden ging auf null. Kein Fahrzeug weit und breit, das mich hätte auflesen können. Ohne Zelt im Gepäck stand mir eine Nacht im Schneematsch unter einer dünnen Plastikplane bevor. Eine Nacht in der mich wie nie zuvor ein ungeheuer erdrückendes Gefühl von Ausgeliefertsein befiel. Ausgeliefert den Yakherden, die über das Tibetische Hochland rennen und alles niedertrampeln, ausgeliefert den Wölfen, die in Rudeln Beute suchen, ausgeliefert den (angeblich) berüchtigten Kampha-Tibetern, die mit dem Dolch schnell zur Stelle sind und ausgeliefert dem Wind, der mir meine filigrane Behausung hätte wegfegen können. Ausgeliefert ohne wegrennen zu können. Mut verlieh mir einzig das Schweizer Messer in meiner Faust. In diesem Moment wollte ich überall auf der Welt sein, nur nicht hier. Die Situation zwang mich einen inneren Grenzgang zu beschreiten.

Um nicht wahnsinnig zu werden oder in einem Schlund von Hilflosigkeit zu versinken, musste ich alle Ängste, Emotionen und die Grenzen dessen, was ich glaubte ertragen zu können überwinden. Sachlich redete ich mir regelmäßig ein, dass Yaks nachts genauso blind sind wie ich und deshalb sicher nicht über das Tibetische Hochland rennen, dass ich nicht ins Beuteschema der Wölfe passe, dass Tibeter bisher ganz umgänglich und kaum Aggressiv auftraten und auch kein Anzeichen einer Wetteränderung spürbar war.

Schon nach ein paar Minuten kehrten jedoch Zweifel und Ängste zurück. Geschlafen habe ich in dieser Nacht nicht.

Die Belohnung erhielt ich ein paar Wochen später, als ich in knapp 5000 Metern an der Quelle des Mekong stand – als erster Rollstuhlfahrer. Von dem Glücksgefühl, das mich dort oben wie ein Tsunami geflutet hat, zehre ich noch heute.

Der Haken an der Geschichte: der Mensch neigt zum Suchtverhalten und begnügt sich nicht mit der Glücksdosis von gestern. Ein weitaus höheres und schwierigeres Ziel stand auf meiner Agenda. Der Jangtsekiang. Im Jahre 2018 landete ich in Shanghai mit einem Plan, den ich selbst für kaum durchführbar hielt. Dem zweitlängsten Fluss der Welt bis hinauf in den Himalaya zu seiner Quelle zu folgen. Noch einmal bin ich auf der Suche nach dem ultimativen Glücksgefühl fündig geworden. Monate später in eisigen Höhen am Quellgletscher des Jangtsekiang nahe der Tibetischen Grenze.

Wenn ich durch meinen Unfall und die Reisen eines gelernt habe, dann dies: Grenzen lassen sich verschieben, aber wer den Mut hat, sie zu überschreiten, begibt sich auf unbekanntes Terrain. Dort ist zwischen Erfolg und Scheitern alles möglich: man kann Neuland entdecken oder Schiffbruch erleiden, Chancen sehen, auf die die Sicht zuvor versperrt war und seinen Horizont erweitern. Bei aller Ungewissheit, eines ist schon zuvor sicher: Grenzerfahrungen pfeffern das Leben.

Andreas Pröve

www.proeve.com

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